Susanne und Werner Haas

Zeitungsartikel “Neue Luzerner Zeitung”, November 2012, Urs Bugmann:

………………………………

On coming and going.

Art  Susannes’ and Wener Haas’ record pictures between appearing and disappearing.

Their work is currently on show at the Gallery Müller in Lucerne.

The artists Susanne (1959) and Werner (1953) Haas work at the edge of the visible. They create paintings dissolving into flickering colours which create the illusion of the picture disappearing but the colour appearing, leaving your senses almost overwhelmed. Used for these works of art are photos taken from the family albums, fleeting views from train windows, architectural structures, the countryside with its trees and the outlines of the mountains, all lit up by the source of natural light.

Moved into the blurr: With their new work the artists are focusing their attention on movement, be it legs climbing stairs, a woman moving across a meadow towards the camera. The photographs are worked on and then the method of screen printing is used. The through computergenerated dissolved picture is then almost not recognizeable, but this method brings the pictures close to being a painting. Through the vibration of the different and small  particles of colour the concrete picture disappears the paintings become abstract carriers of a certain mood which make the colour seem an immaterial vision. With the different layers of the screen printing certain points of the painting get a shine to them. Susanne Haas , the painter, and Werner Haas, the screen printer, have themselves, through this technique, discovered  that blurr can give time a floating quality; Movement is never still.

 

Zeitatmen
Grundlage unserer Arbeiten sind Fotos aus dem digitalen Fotoalbum, die durch künstlerische Bearbeitung einerseits und durch die gewählte Darstellungsform des Siebdrucks andererseits in die Anonymisierung und Variation führen. So zeigt sich das Zeitungebundene, das immer Gültige. Zeit ist hier immerwährend.
Es ist also die Frage nach der Darstellung von Zeit (und damit auch Bewegung). Zyklische Zeiterscheinungen, – also immer Wiederkehrendes, wie der Wechsel von Tag und Nacht, hell und dunkel, der Pulsschlag, das Ein-und Ausatmen etc., werden sichtbar, – auch in der Motivwahl. Es ist ein Pulsieren, welches durch die Pixeldarstellung in unterschiedlicher Farbwahl erreicht wird. Somit entstehen rhythmisch strukturierte Bildgeflechte unserer Wirklichkeit, die sich oft klischeehaft und zeitunabhängig wiederholt.
Susanne Haas, April 2010

Zeitatmen Caecilia Anderhub, Juni 2010:
Unter dem Titel Zeitatmen versammelt sich eine offene Gruppe von Bildern, die seit Beginn der künstlerischen Zusammenarbeit von Susanne und Werner Haas entstanden sind. Im Jahr 2008 beschloss das in seiner künstlerischen Herkunft ungleiche Paar den Versuch der Synthese von Malerei und Drucktechnik.

So haben wir es nun weder mit Malerei zu tun noch mit Serigraphien – und doch mit von beidem. Einerseits war da nämlich ein Pinsel kaum im Spiel und andererseits gibt es keine Mehrfachauflagen.
Und doch bestehen die Wege zu dem, was uns hier als Zeitatmen begegnet, mithin sowohl aus malerischen als auch aus drucktechnischen Erfahrungen und Entscheiden. Denn von der Auswahl des fotografischen Motivs über die Bearbeitung zum Bildmotiv, die Definition des Formats, die chromatische Grundierung der Leinwand und die Schritte der Umsetzung ins Sieb bis zum Mischen der einzelnen Farbmittel für die aufeinander folgenden Druckvorgänge hat jedes einzelne Bild seine individuelle Geschichte, die sich nicht repetieren lässt. Jedes ist also ein Bild ohne seinesgleichen. Dies gilt in technischer Hinsicht, aber mehr noch im Blick auf die ästhetische Identität aufgrund der jeweiligen Farbigkeit und dezent eingesetzter Farbmaterialeffekte. Für jeden Druckvorgang führt das Team eine spezifische Farbqualität herbei aus Tönen und Materialien, und erreicht durch zwei oder drei sukzessive Druckvorgänge die Tonalität der jeweiligen Polychromie.Dabei lassen sich Werner und Susanne Haas im Experiment auch gern überraschen.

Der Siebdruck ist nicht zuletzt wegen seiner Vielfalt an technischen Möglichkeiten und materialen Varianten heutzutage weitläufig beliebt und zudem als subtiles Medium interessant. Denn in ihm lassen sich die verschiedenartigen Potenziale des künstlerischen, des handwerklichen und des technischen Prozesses in seltener Weise verflechten. Allerdings haben sich erst Künstlerinnen und Künstler der 1950er Jahre für die historisch eher junge Drucktechnik zu interessieren begonnen. Und tatsächlich: wenn auch die Bilder von Susanne und Werner Haas uns so gar nicht an Werke der OpArt oder der Konkreten Kunst erinnern, so haben sie mit der Arbeit eines Victor Vasarely, einer Bridget Riley oder eines Max Bill dies gemeinsam: Sie reizen unser Sehen und veranlassen uns damit zu spielen.

Ein anderer Bezugspunkt lässt sich zum zeitgenössischen Umgang mit der Fotografie als künstlerischer Technik ausmachen, wo in vergleichbarer Arbeit mit den Gegebenheiten des Apparats Bilder entstehen, deren Abbildcharakter oder motivischer Ursprung durch die künstlerischen Handlungen in seiner Bedeutung zurücksteht hinter der selbständigen Werkpräsenz.
Wie Erinnerungen als Atmosphären in uns aufsteigen, Verdichtung suchen, Umriss und Prägnanz und dann der festen Vorstellung entwischen, um wieder in jenes vage Zwischenreich zu sinken, aus dem sie unsere Aufmerksamkeit neuerlich hervorholen kann – ähnlich geschieht es mit den Bildern der vorliegenden Gruppe Zeitatmen. Man betritt den Raum und wird zuerst auf eine pulsierende oder auch eine eher ruhende Stimmung aufmerksam, auf ein federleichtes Schweben etwa oder einen melancholischen Sog oder eine feierliche heitere Gelassenheit. Findet eine Stimmung in einem eine Resonanz, mag man sich ihrer Quelle zuwenden und bemerkt Licht- und Farbkontraste, in denen der Blick nach Erkennbarem sucht. Das Bild antwortet mit Gestalten, die anonym und zugleich uns vertraut sind, sodass man es genauer wissen, mehr sehen möchte. Also tritt man noch näher – und entdeckt, während die Gestalten sich auflösen, das Bild in seiner medialen Existenz. In den Untiefen eines scheinbaren Gewimmels mutet man den rechteckigen Farbtupfern ein vibrierendes Eigenleben unter sich zu, in dem der vernünftige Blick sich verliert.
Jedes der Bilder spielt dabei seine individuelle Dynamik aus zwischen ungegenständlicher Komposition und fotografischem Abbild. Dass die Bildmotive aus dem privaten Fotoarchiv des Künstlerpaares stammen, ist für die Betrachterin belanglos, denn sie wollen uns nunmehr keine persönlichen Geschichten erzählen. Vielmehr vermitteln sie gewisse Anmutungen davon wie der Widerschein auf einer Membran, die diese unsere Sphäre von einer anderen trennt, die uns ebenso vertraut ist und die wir dennoch nicht erfassen können. Innerhalb der Werkreihe, die in der relativ kurzen Zeit von rund zwei Jahren entstand, positioniert sich jedes Bild auf einer eigenen Ebene gleichsam näher oder ferner dieser Oberfläche zwischen gegenständlicher Deutlichkeit und ungegenständlicher Farbfeldmalerei – oder anders gesagt in einem Hin und Her zwischen Vergegenwärtigung und Abtauchen, entsprechend dem wandernden Blick des Betrachters.
Innerhalb der Gruppe Zeitatmen korrespondieren Werke mit identischen Motiven miteinander durch je einmalige Farbgebungen. Wie beim tonalen Variieren eines musikalischen Motivs erfahren wir auch hier, wie eine Gestalt ihre Bedeutung grundlegend verändert, indem sie in anderem Licht erscheint. Tatsächlich entfaltet jedes Bild seine eigene Aktivität nicht allein dadurch, dass wir uns ihm nähern und uns wieder entfernen, sondern auch je nach Blickwinkel und im wechselnden Licht eines Tages oder der Beleuchtung.

Begrüssungsrede Vernissage Galerie Kriens, 26.11.2010, Roland Haltmeier
Sie sehen in unseren drei Galerieräumen 13 Arbeiten von Susanne und Werner Haas, Bilder von unterschiedlichem Format und mit ganz ver-schiedenen Farben, Formen und Strukturen.

Aber schon auf den ersten Blick verbindet eine grosse Verwandtschaft alle diese Werke. Es ist eine Verwandtschaft, die mit dem künstlerischen Prozess zusammenhängt. Ausgangspunkt aller dieser Arbeiten ist jeweils eine Fotografie, sei es ein kleinformatiger Schnappschuss aus dem Al-bum der Familie Haas oder eine bewusst für die künstlerische Arbeit her-gestellte Aufnahme, wie etwa diese durch ein Fenster auf eine Land-schaft.

Ausgangspunkt all dieser Arbeiten bildet auch die Leinwand im jeweils bewusst gewählten Format. Darauf wurde von Hand mit der Rolle eine erste Farbebene aufgetragen, dann im Siebdruckverfahren in einem oder mehreren Schritten je eine Farbe darüber gelegt. Obwohl von ein und derselben Fotografie – es handelt sich meist um einen stark vergrösser-ten Ausschnitt aus der Originalaufnahme – mehrere Bilder entstehen können, ist jedes unverkennbar ein Unikat, mit eigener Farbigkeit, For-mensprache, künstlerischer Präsenz, Bedeutung und Wirkung.

Susanne und Werner Haas arbeiten seit einigen Jahren als Künstlerpaar, in ihrer Wohnung an der Hubelstrasse in Obernau und im Siebdruckate-lier. Susanne Haas kommt von der Malerei her, Werner Haas ist seit 1991 Dozent und Werkstattleiter Siebdruck an der Hochschule Luzern Design und Kunst. Es freut mich ausserordentlich dass wir hier in der Galerie Kriens nun die erste Einzelausstellung von Susanne und Werner Haas ausrichten können, eine Ausstellung mit dem Titel „Zeitatmen“.

Schon dieser Titel deutet auf die Faszination hin, die von diesen Bildern ausgeht. Was ist es denn, das dem Familienpicknick im Schachenwald, dem Spaziergang im Eigental, dem Hamburger Bahnhof oder dem Blick durchs Fenster auf eine Landschaft des Schweizer Mittellandes eine so intensive Präsenz verleiht? Es hat, so glaube ich, wesentlich mit Bewe-gung zu tun, einer Bewegung, welche diese Bilder trotz der scheinbar statischen fotografischen Fixierung des Sujets verkörpern und erzeugen. Es ist eine Bewegung, die ausgeht von der Gegensätzlichkeit des künst-lerischen Verfahrens, von Kunstmalerei einerseits und der Drucktechnik andererseits, von fotografischem Abbild und technischer Komposition, die gerade im zweiten Raum augenfällig ist, vom Kontrast von Licht und Schatten, von der intensiven räumlichen Wirkung der geschichteten Far-ben und von inhaltlichen Elementen wie beispielsweise dem Wechsel der Jahreszeiten.

Ein alltäglicher fotografisch festgehaltener Augenblick verdichtet sich also im künstlerischen Verfahren, wird räumlich, schafft Atmosphäre, wirkt auf uns und mahnt uns beispielsweise an unsere eigenen Erinnerungen, an Traumhaftes, Geheimnisvolles. Dies lädt uns Betrachtende auch ein, dem Bild mit einem, mit zwei Schritten näher zu kommen und selbst die Perspektive zu wechseln. Dann können wir erleben, wie das gleiche Mo-tiv sich in unserer Wahrnehmung wandelt, wie die landschaftliche Dar-stellung vor unseren Augen plötzlich zum Pixelfeld wird, zum drucktech-nischen Werk auf malerischem Grund und sich damit unsere Wahrneh-mung mit den verschiedenen Sichtweisen weitet.

Dieses Verfahren und diese Wirkung erinnern mich an literarische For-men, die ähnlich vorgehen. Im uralten japanischen Tanka etwa werden auch alltägliche Naturphänomene festgehalten in ein durch die Form vor-gegebenes Raster von 31 Silben gefügt und zur literarischen Aussage verdichtet. In solchen Tankas aus dem 12./13. Jahrhundert heisst es zum Beispiel:

Die Nebel steigen
Am Föhrenberg zum Gipfel,
Wo sie allmählich
In Wellen sich erheben
Als Wolkenbank zum Himmel.
Vor meinem Hause
Ist dichter Schnee gefallen
Und gar kein Weg mehr.
Bin ich doch ohne Freund, ach,
Der einen Pfad mir träte.

Der zarte Schnee, ach,
Der hier und dort herabsinkt,
Sieht heute aus doch,
So wie er sich dahinstreut,
Als ob es Blüten wären.

Diese schlichten literarischen Momentaufnahmen lassen uns wie die Bil-der von Susanne und Werner Haas eine neue Sicht der Welt erfahren. Sie zeigen Wege, Übergänge, das Kommen und Gehen, existenzielle Formen unseres Seins, das pulsierende Atmen der Zeit. In den Arbeiten ist ein Festhalten spürbar, ein Festhalten aus dem vielfältigen Fluss der Zeit, dem wir alle ausgesetzt sind, und mit dem die Künstler auf ihre Wei-se in ihren Arbeiten umgehen und damit immer wieder neue Bezüge schaffen und sich und uns Bilder und Geschichten eröffnen.

Hoffentlich lassen auch Sie sich, sehr geehrte Damen und Herren, ent-führen auf jene imaginäre innere Reise, die voller Bilder, und damit auch voller Anregung und Bereicherung und zugleich ein herrliches Vergnügen ist. Und dieses Vergnügen wünsche ich Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, hier und heute.

Zeitungsartikel “Zentralschweiz am Sonntag”, 12.12.2010, Urs Bugmann: